
3-2026 | 1926 Berneuchener Buch
Jahr 1926 – in meinem ersten Münsterschen Jahr – erschien das »Berneuchener Buch«, mit dem sehr bewußt gewählten Untertitel »Vom Anspruch des Evangeliums auf die Kirchen der Reformation.« […] Das Buch versuchte […], ein Programm kirchlicher Erneuerung sehr umfassend zu entwerfen und auch die Aufgabe der Kirche an der Welt zu kennzeichnen. Die Aufnahme und Wirkung unseres Buches bereitete uns eine bittere Enttäuschung. Es fiel in die Hand der Theologen, das heißt es wurde in der unbarmherzigen Mühle theologischer Diskussion unschädlich gemacht. […] Der aus tiefer Sorge kommende Warnungsruf wurde damals überhört. Die Menschen waren – und sind es wohl auch heute – mit theologischen Begriffen so sehr gepanzert, daß kein Pfeil sie wirklich zu treffen vermag.
Wilhelm Stählin, Via Vitae (320)
So beurteilte Wilhelm Stählin 1968 die Rezeption des Berneuchener Buches und berichtet im nächsten Kapitel seiner Autobiographie vom Entstehen und Werden der Evangelischen Michaelsbruderschaft. Stählin hatte eine andere Wirkung des Berneuchener Buches erhofft, eine offene Diskussion in Kirche und Gesellschaft, in der die im Buch dargestellte vielfältige Not erkannt und entschieden angegangen wird.
Das Buch analysiert die Situation der Kirche und Gesellschaft nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Ende des landesherrlichen Kirchentums in einer Zeit des Umbruchs. Ein Versagen der Kirche in vielerlei Hinsicht wird festgestellt, Mängel an der Kraft zu gestalten. Es wird ein Aufbruch aus der sakramentalen Mitte der Kirche gesucht, eine gestaltende Wirkung in die Gesellschaft hinein, ein verpflichtendes Christsein.
Das war nicht der Weg der großen Zahl. Die Berneuchener Gemeinschaften – und nicht nur sie – haben aber ihren eigenen Weg mit den Gedanken des Berneuchener Buches zurückgelegt und stehen für seine Aktualität hundert Jahre nach seiner Entstehung, auch in den Fragen, die die Kirche und Gesellschaft unserer Zeit bewegen.
In dieser Ausgabe des Quatember beschreibt zunächst Julian Jöri die Entstehung des Berneuchener Buches und gibt Einblick in die Fragen, die die Diskussion bestimmten. Roger Mielke zeigt auf, wie die Gedanken des Buches in die aktuellen Diskussionen und Entwicklungen hineinwirken und »Inseln der Kohärenz in einem Meer von Chaos« bilden können.
Die Weite kirchlicher und gesellschaftlicher Diskussion in unserer Zeit spiegelt sich im Beitrag von Christoph Schneider-Harpprecht zur Friedensdenkschrift der EKD. Die Beiträge über Martin Bucer von Thomas Schanze und die Betrachtung zu Paul Gerhardt von Petra Reitz blicken auf die lebendige Tradition in der Kirche. Gerard Siegwalt formuliert Thesen zur Frage des Schicksals in der Theologie. Wolfgang Max stellt in seiner Liedpredigt Paul Gerhardts »Befiehl du deine Wege« vor.
Die Michaelsbruderschaft wurde fünf Jahre nach dem Erscheinen des Berneuchener Buches 1931 in Marburg gegründet. Sie wird 2031 ihr hundertjähriges Bestehen feiern. Wir gehen wieder durch Jahre, die von Umbrüchen in Gesellschaft und Kirche geprägt sind. In der Kirche gilt es, über Strukturveränderungen hinaus, die sakramentale Mitte zu bewahren, ein verpflichtetes Christsein in geschwisterlicher Gemeinschaft zu leben und der Welt das Zeugnis des Evangeliums nicht schuldig zu bleiben. So gilt es, in die Gesellschaft hinein zu wirken auf eine kritische Zeitgenossenschaft und Wege zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hin. Schon jetzt sei auf eine geplante Buchveröffentlichung zum hundertjährigen Bestehen der Bruderschaft hingewiesen, die unter dem Titel »An der Kirche bauen«
2031 erscheinen soll und auch der Rechenschaft darüber dienen, inwieweit es gelungen ist, die Anliegen und Forderungen des Berneuchener Buches in eine gelebte Wirklichkeit umzusetzen.
Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen
Ihr Heiko Wulfer
