
1-2026 | Üben
Alle Übungen müssen auf das Eine ausgerichtet sein: dass die Leidenschaften überwunden und der Eigenwille gebrochen werden; dass man die Welt verachte, Gott aber liebe, dass das Fleisch bezähmt werde, der Geist sich zu Himmlischem erhebe, damit man, wenn alles Streben zur Ruhe gekommen ist, die Reinheit des Herzens und einen ruhigen Sinn habe. Du mühst dich ein wenig und findest große Ruhe. Kurz ist die Zeit unserer Pilgerschaft, aber unser Lohn wird Freude ohne Ende sein. Viele ertragen größere Lasten für die Welt, als wir
für Gott. Viele ertragen Härteres und streiten tapferer für die Hölle, als wir für das Himmelreich. (Thomas von Kempen, Brevis Admonitio spiritualis Exercitii 11)
Thomas von Kempen beschreibt christliches Leben als einen Weg der Übung, auf dem der Übende geformt wird, sich verändert in das Bild Christi hinein (2. Kor. 3,18) – diese Gedanken finden sich schon bei Origenes, der darin der Habitus-Vorstellung des Aristoteles folgt: Durch Wiederholung tugendhafter Akte entsteht eine gefestigte Haltung (habitus, hexis), die es dem Menschen ermöglicht, zwischen den Extremen des Zuviel und Zuwenig die goldene Mitte eines guten und tugendhaften Lebens zu finden. Die neutestamentlichen Bilder des christlichen Streiters (Eph. 6,13 – 17) führten zu einer Verbindung des Übens (exercitium) mit dem Bild des Soldaten (miles).
In der Zeit der Kreuzzüge wurde dieses Bild immer wieder aufgenommen und besonders auf die Ritterorden angewandt, wofür die Schrift Bernhards von Clairvaux »Liber ad milites templi de laude novae militiae« beredtes Zeugnis ablegt. Nach dem Ende der Kreuzzugsbewegung erhielt sich der Begriff des geistlichen Streiters (miles christianus) und wurde auf den geistlichen Kampf des Christen übertragen, wie es Erasmus von Rotterdam im »Enchiridion militis christiani« tut. Das gilt auch für Ignatius von Loyola und seine Exerzitien, obwohl er den Gedanken des Übens dort gerade von seinem militärischen Hintergrund her mit konsequenter Kraft durchführt.
Weit über den spirituellen Hintergrund hinaus hat das Üben in allen Bereichen des Menschseins und der Kultur seine Bedeutung. Den hohen Wert des Übens betont der Pädagoge Otto Friedrich Bollnow in seiner bedeutenden Schrift »Vom Geist des Übens«. Gegen eine Vernachlässigung des Übens betont er dessen lebenslange Bedeutung. Über ein Können kann nur verfügen, wer es immer wieder übt. Üben dient einer Entwicklung der Individualität, die dem Sog der Allgemeinheit widerstehen kann. Bollnows wichtigen Gedanken ging Gabriele Klappenecker in ihrer Bedeutung für die Religionspädagogik nach in ihrem Buch »Offenheit für die Fülle der Erscheinungen. Das Werk Otto Friedrich Bollnows für
eine phänomenologisch orientierte Religionspädagogik« (2007).
Diese Ausgabe des Quatember greift verschiedene Aspekte des Leitthemas »Üben« auf. Horst Stephan Neues stellt den auf Karl Bernhard Ritter zurückgehenden Weg des »Geistlichen Pfades« vor. Steffen Tiemann widmet sich dem Thema der Bildung von Gewohnheiten. Die Arbeit der Balintgruppen als besondere Form gemeinsamen Übens in ihrer Bedeutung besonders für die Krankenhausseelsorge betrachtet Donald Orlov Wehmann. Ulrich Koring widmet dem »Üben« eine grundsätzliche biblische Darstellung mit Beispielen aus dem Werk Helmuth Uhrigs. Holger Eschmann widmet sich dem Verhältnis von Spiritualität und Gesundheit aus theologischer und humanwissenschaftlicher Sicht. In Anknüpfung an das Gedenken des Bauernkrieges 1525 betrachtet Andreas Lindner das In- und Widereinander von Geist und Schrift in der Kirchengeschichte bis zur Gegenwart. Als Mitglied des Doberaner Klosterkonventes gibt Martin Grahl ein lebendiges Beispiel für lebendige Liturgie und geistliches Leben, getragen in und für eine ermattete Kirche.
Allen Leserinnen und Lesern des Quatember wünsche ich eine anregende Lektüre und eine gesegnete Passions- und Osterzeit.
Ihr Heiko Wulfert