
2-2026 | Reisen
Reisen
Ich schnallte in Grimma meinen Tornister, und wir gingen. Eine Karawane guter, gemütlicher Leutchen gab uns das Geleite bis über die Berge des Muldetals, und Freund Großmann sprach mit Freund Schnorr sehr viel aus dem Heiligtume ihrer Göttin, wovon ich Profaner sehr wenig verstand. Unbemerkt suchte ich einige Minuten für mich, setzte mich oben Sankt Georgens großem Lindwurm gegenüber und betete mein Reisegebet, daß der Himmel mir geben möchte billige, freundliche Wirte und höfliche Torschreiber von Leipzig bis nach Syrakus und zurück auf dem andern Wege wieder in mein Land; daß er mich behüten möchte vor den Händen der monarchischen und demagogischen Volksbeglücker, die mit gleicher Despotie uns schlichten Menschen ihr System in die Nase heften, wie der Samojede seinen Tieren den Ring. – Johann Gottfried Seume
o beginnt Johann Gottfried Seumes Bericht von seinem »Spaziergang nach Syrakus«, den er in den Jahren 1801 und 1802 im Kreis befreundeter Künstler unternahm und an die 6000 Kilometer zum großen Teil zu Fuß zurücklegte. Sein Reisebericht ist subjektiv geprägt, eigenwillig, mit politischen Anklängen und launischen Beschreibungen seiner Begegnungen und Widerfahrnisse. Den Entwurf übernahm Friedrich Christian Delius in seinem 1995 erschienenen Roman »Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus«, der die Reise eines DDR-Bürgers nach Syrakus, seine Erfahrungen in der Bundesrepublik und Italien und seine Rückkehr in die DDR beschreibt.
Die beschriebenen Reisen erweitern nicht nur den Horizont und damit die Kenntnisse der Menschen und ihrer Sitten, der Länder und der Welt. Die Reise ist immer eine Lebensreise, die den Menschen verändert, durch Erlebtes und Erlittenes prägt. Schon 1792 schrieb Karl Giseke sein Gedicht »Die Nachtreise«, das in der Vertonung von Johann Immanuel Müller als »Beresina-Lied« berühmt wurde: »Unser Leben gleicht der Reise eines Wandrers durch die Nacht …«. Die Lust am Entdecken, die Sehnsucht nach fernen Ländern gehören ebenso zum Reisen, wie das aufgenötigte und erlittene Unterwegssein und Umgetriebensein. Hierhin gehören auch die Reisen des Inneren, das Erinnern und Träumen.
In diesem Quatemberheft geht zuerst Klaus Lieg dem Thema nach »Reisen und Traumreisen«, das äußere und innere Unterwegssein, das den Menschen verändern, heilen und auf neue Wege weisen kann. Frank Lilie beschreibt sprachliche Wanderungsbewegungen – denn nicht nur die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen. Auch die Begriffe wandern. Die Reisen und Erfahrungen des Listenreichen, der dem Groll des Geschickes entweicht, beschreibt ein Vergleich der Prooemien von Ilias und Odyssee.
Wolfgang Max stellt uns den Württembergischen Physikotheologen Balthasaar Sprenger vor. Zwei Beiträge widmen sich auf unterschiedliche Weise der Frage »Quo vadis, ecclesia – wohin gehst du, Kirche«. Karl Bauer bedenkt in Anknüpfung an Bonhoeffer die »Möglichkeit evangelischer Kirche« in kritischem Blick auf ihre Gegenwart. Holger Berninghaus stellt als Jurist Anfragen an den modernen, niederschwelligen evangelischen Konzeptgottesdienst. Schließlich stellt Ulrich Koring die bleibende Aktualität des künstlerischen Werkes von Helmuth Uhrig dar. Petra Reitz trägt eine Predigt über Hiob 23 bei.
Das Jahr ist im späten Frühling und wendet sich dem Sommer zu. Welche Reiseerfahrungen werden wir in diesem Jahr in der Nähe oder der Ferne machen – und was machen sie mit uns?
Eine gesegnete Zeit und einen guten Reiseweg unter dem Geleit der heiligen Engel wünscht
Ihnen
Ihr Heiko Wulfert